Diese Zeilen schreibe ich in genau neunzig Minuten. So lange dauert die ICE-Fahrt von Hamburg-Dammtor nach Berlin-Hauptbahnhof. Genau genommen ist die Reise in die Hauptstadt noch sechzehn Minuten länger. Das ist jedoch keine Schreibzeit für mich: Vier Minuten brauche ich zum Auspacken bzw. Verstauen meines Macbooks, weitere vier Minuten gehen drauf beim Vorzeigen des ausgedruckten Fahrscheines und dem mehrmaligen Versuch des Schaffners, den geknickten Barcode zu scannen.

Weitere acht Minuten kostet der Gang zur Zugtoilette, inklusive der Wartezeit, weil drinnen ein Verwirrter den Sensor für die Spülung nicht findet. Das WC im ICE ist nie frei. Oder kaputt. Meist stimmt dann auch die Wagenreihung nicht. Wo das Bahn-Klo sein sollte, ist jetzt der Speisewagen. Wer das nicht weiß, kann sich peinlichst blamieren. Verbleiben also genau neunzig Minuten, in denen ich auf dieser Fahrt alle Highlights zusammentragen kann.

11.000 Wagons vermasseln den Blick auf Hamburg

Exakt um 12 Uhr fahren wir am Dammtor ab. Pünktlich! Ein erster Höhepunkt, der kaum mehr zu toppen ist. Dass der ICE am Hauptbahnhof dann doch fünf Minuten Verspätung hat, liegt an einem Haltesignal, dass uns am Befahren der Lombardsbrücke-Brücke hindert.

Letztlich ist gerade der Blick auf die Binnen bzw. Außenalster der touristische Höhepunkt der ganzen Fahrt. Unter diesem Aspekt könnte ich getrost in Hamburg-Hauptbahnhof wieder aussteigen. Aber ein entgegenkommender Güterzug mit geschätzten 11.000 Wagons vermasselt den schönsten Blick auf Hamburg. Also doch nach Berlin.

Die Mauer muss weg!

Die östliche Peripherie von Hamburg ist ja auch ganz hübsch, nur kann man weder etwas von Reinbek, Aumühle noch Friedrichsruh sehen. Friedrichsruh heißt nicht umsonst so: Eine Lärmschutzmauer zieht sich an den Gleisen entlang bis die Zivilisation ein Ende hat und der Zug die ehemalige deutsch-deutsche Grenze erreicht. Die Mauer muss weg! Gerade in dieser historisch-sensiblen Gegend.

Kein Zugvogel: Ein Habicht mit seinem Jungen? Ein Bussard? Ähhh….

Ohne Frage: Mecklenburg-Vorpommern ist ein beachtliches Bundesland von vielfältiger Schönheit. Man denke nur an Rügen, Hiddensee, die Seenplatte. Oder Hansestädte wie Wismar, Stralsund und Rostock.

Dort fährt dieser ICE jedoch nicht entlang, sondern durch eine plattdeutsche Tiefst-Ebene, ein ostdeutsches Nirwana, das auch in Brandenburg keinen Deut attraktiver wird.

Endlose Prärie zwischen Parchim, Pritzwalk und Perleberg.

Machen wir das Beste draus, zählen wir Greifvögel. Deren Bestand ist in den neuen Ländern gefühlt dreimal so hoch wie in den alten. In dieser endlosen Prärie zwischen Parchim, Pritzwalk und Perleberg müssen Kaninchen oft kilometerweit hoppeln, um ein Versteck zu finden. Meist zu spät, um den Fängen der Raubvögel zu entkommen.

Als Kind habe ich immer Rehe gezählt, aber man wird ja reifer. Also vertreibe ich mir die Zeit im Zug und zähle Habichte. Aber versuchen Sie mal aus einem ICE, der mit 200 km/h durch die Gegend rast, einen Habicht von einem Bussard zu unterscheiden. Es sind eben keine Zugvögel.

Berlin – die Zeit verging wie im Zug

Dass wir nach Berlin nur 106 Minuten brauchen, liegt daran, dass der Zug nirgendwo hält. „Unser nächster Halt ist Berlin-Spandau!“ Unser nächster? Unser erster Halt, Du Brathahn! Höchste Zeit das Macbook zusammenzuklappen und den Pilotenkoffer aus der Gepäckablage zu wuchten.

Wir haben Berlin Hauptbahnhof erreicht. Die Zeit ist vergangen wie im Zug. Nein, es war eine hochinteressante Reise. Mit insgesamt 34 Habichten! Oder waren es doch Mäusebussarde? Egal, ich kann es ja auf der Rückfahrt nochmal überprüfen.

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Uwe Bahn ist Moderator und Autor. Als Reise- und Kreuzfahrtexperte schreibt er für die bekanntesten Zeitungen und Zeitschriften. Seit 2006 gibt er jährlich den "Kreuzfahrtguide" heraus, das Standardwerk für Urlaub auf dem Wasser. Außerdem ist er Herausgeber des Kreuzfahrtportals www.kruize.de.

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