Bei den Pfadfindern war ich nicht, am Lagerfeuer sang ich keine John Denver-Lieder zur Gitarre, beim Campen mussten immer andere mein Zelt aufbauen. Nein, ein Naturbursche war ich nie. Aber ich habe etwas, was sie auch haben, die Abenteurer, Bergsteiger und Weltumsegler. Ich habe ein Schweizer Messer.

Das aufklappbare Wunderwerkzeug für die Hosentasche. Bis auf toasten kann es alles. Ich reise nie mehr ohne. Nicht im Handgepäck, denn dort wird es auf jedem Airport der Welt sofort kassiert. Früher, vor Al Kaida und IS, da konnte das Schweizer Messer schon im Flugzeug wichtige Dienste verrichten.

Wie oft schraubte ich beim Start die Deckenverkleidung der Aero Lloyd Maschinen fest. Hätte das jeder getan, wäre die Airline heute noch am Start. Heute darf selbst das kleinste Schweizer Messer nicht ins Handgepäck, gilt doch schon ein Zahnstocher als Waffe.

Mit dem Schweizer Messer das Tavernen-Tischbein abgesägt

Das nächste Beispiel: Eine Kreta-Reise. Es gibt auf der ganzen Insel keinen Tavernentisch, der nicht wackelt. Dann kommen die Kellner mit Stapeln von Bierdeckeln, mühen sich ab und das Gekippel wird nur noch schlimmer. Das war der Moment, als am venezianischen Hafen von Rethymnon die kleine Holzsäge zum Einsatz kam.

In wenigen Minuten hatte ich das eine Tischbein um sechs Zentimeter, das andere um neun Zentimeter gekürzt. Danach stand der Tisch für den Rest des Abends wie festgeschweißt. Sie sehen: Man reist besser mit Messer.

Ein anderer Fall auf Fuerteventura. Dort verlor ich auf der Halbinsel Jandia bei einem Strandspaziergang die Schraube meiner Sonnenbrille. Sehr ärgerlich, denn die ist ungefähr so groß wie der Kopf einer Blattlaus. Plötzlich hatte ich den Bügel der Brille in der Hand.

Was nun? Die fünf Kilometer zurückgehen, im Sand suchen oder andere Urlauber fragen: „Entschuldigung, hat irgendjemand die kleine Schraube meiner Sonnenbrille gesehen?“ Danach weiß jeder, dass Sie eine Schraube locker haben. Das muss ja nicht sein. Auch da hilft das Schweizer Messer. Im Korkenzieher steckt der kleine Schraubenzieher für die filigransten Arbeiten. Wie zum Beispiel das Festzurren der Schräubchen von Sonnenbrillen.

Dosenöffner für Sterneköche

Der Korkenzieher selbst ist robust wie kaum ein anderes Werkzeug. Wenn das jemand beurteilen kann, dann ich. Auch nach dreitausend Anwendungen funktioniert er immer noch einwandfrei. Als sehr nützlich hat sich die Lupe erwiesen, besonders wenn man sie beim Sonnen als Brennglas benutzt. Nie habe ich schnarchende Urlauber schneller aus dem Schlaf geholt.

Selbst beim Essen in den feinsten Restaurants hilft das Schweizer Messer. Wie oft sind Sterneköche verzweifelt, weil sie ihren Dosenöffner nicht finden. In Sekunden ist das Schweizer Messer mit dem passenden Werkzeug gezückt. Dann schaue ich lächelnd durch die Küchentür und winke mit der Rettung: „Wie wär’s hiermit?“

Und sollte ich irgendwann einen Pfadfinder am Lagerfeuer treffen, der John Denver-Lieder singt, dann löst das Schweizer Messer auch dieses Problem: Mit der Zange sind die Saiten der Gitarre ganz schnell durchtrennt.

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Uwe Bahn ist Moderator und Autor. Als Reise- und Kreuzfahrtexperte schreibt er für die bekanntesten Zeitungen und Zeitschriften. Seit 2006 gibt er jährlich den "Kreuzfahrtguide" heraus, das Standardwerk für Urlaub auf dem Wasser. Außerdem ist er Herausgeber des Kreuzfahrtportals www.kruize.de.

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