Europas Ende ist mein Ziel. Da sein, wo keiner ist. Ganz im nördlichsten Norden. Wo hoffentlich mein iPhone vibriert und mich der Anrufer fragt: „Uwe, wo bist Du?“ Im Hintergrund wird man die Brunftlaute der Rentiere hören. Dann werde ich mich kurz räuspern, mit den Händen durchs Haar fahren, den Kopf dabei nach hinten fallen lassen und wahrheitsgemäß antworten: „Ich bin am Nordkap.“

Sprachlos werden sie sein am anderen Ende der Leitung. Und sie werden sich Sorgen machen: Hat der Uwe genug Proviant dabei? Hat er sich ausreichend auf diese waghalsige Expedition vorbereitet? Sie werden an Scott und Amundsen denken. Die beiden wollten als erste zum Südpol. Als Scott am 17. Januar 1912 dort ankam, fand er Amundsens Zelt und die norwegische Flagge. Vizemeister – dumm gelaufen.

Da gefriert das Blut in den Adern

Nun, über 100 Jahre später, mache ich mich auf zum Nordkap. Nautische Koordinaten, bei denen das Blut in den Adern gefriert: 71o10’21“ nördlicher Breite. Für alle Nicht-Nautiker: Das ist so etwas wie der Nordpol auf dem Festland. Im kleinen norwegischen Fischerdorf Skarsvag besteige ich den Bus, der mich und die anderen zum Nordkap bringen soll.

Andere? Egal. Expedition ist Teamwork. Es ist zehn Uhr abends, und der Nebel hat den Kampf gegen die Mitternachtssonne gewonnen. Durch die trübe und karge Landschaft fährt der Bus auf dem Weg zur Endstation Einsamkeit. Was mich stutzig macht, ist die bestens asphaltierte Straße. Dann die ersten Verkehrszeichen. Höchstgeschwindigkeit 70 Kilometer, das nächste Schild 50, dann 30 und – stopp!

Ich fühle mich wie Scott von Amundsen überholt

Die Mautstation erinnert an die alte DDR-Grenzstelle Helmstedt-Marienborn. Zwangsumtausch 190 norwegische Kronen, das sind ungefähr 14 Euro. Wenig später erreichen wir den Parkplatz Nordkap.

Was ist das? Zweihundert Reisebusse wären untertrieben. Auf den umliegenden Campingplätzen stehen Autos aus Bielefeld, Würzburg, Hannover und Plön. Kaum ein deutsches Kfz-Kennzeichen fehlt.

Dazu gesellen sich Schweden, Engländer, Schweizer, Franzosen, Belgier, Spanier. Halb Europa ist am Nordkap. Ich fühle mich wie Scott, von Amundsen überholt. Und das gleich tausendfach.

Doch das ist nur die Vorhut. Hinter dem Haupteingang tobt der Kampf um die arktischen Andenken. An den Kassen des Souvenir-Shops ein Gedränge, als bekäme jeder 100 Euro Begrüßungsgeld. Aber der Geldfluss geht genau in die andere Richtung: Nordkap-Tassen, Nordkap-Pullover, Nordkap-Postkarten – alles wird hier verscherbelt.

Nordkap – das ist das Ende Europas. 

Wem das zuviel Nordkap ist, der findet alternativ Troll-Kalender oder Kuschel-Rentiere. Ich kaufe ein neutrales Norweger-Stirnband; das kann ich im Notfall vor die Augen ziehen. Drei komplette Reisebusse holen sich derweil an der Nordkap-Post den Nordkap Stempel ab. Aus dem unterirdischen Kino drängen Hunderte Richtung Fast-Food Restaurant.

Es bleibt mir nur die Flucht nach vorn: Da draußen, direkt an der Klippe, steht das weltbekannte Symbol des Nordkaps: Die eiserne Weltkugel. Deutsche, Holländer und Italiener kämpfen erbittert um das beste Foto-Motiv. Ich bin chancenlos. Auch am Nordkap bröckelt die europäische Gemeinsamkeit immer mehr. Das ist das Ende Europas. In der Tat.

TEILEN
Vorheriger ArtikelFlorida für Kreuzfahrer
Nächster ArtikelOasis of the Seas – A walk in the Park
Uwe Bahn ist Moderator und Autor. Als Reise- und Kreuzfahrtexperte schreibt er für die bekanntesten Zeitungen und Zeitschriften. Seit 2006 gibt er jährlich den "Kreuzfahrtguide" heraus, das Standardwerk für Urlaub auf dem Wasser. Außerdem ist er Herausgeber des Kreuzfahrtportals www.kruize.de.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here