Variety Voyager – think small!

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Eine Reise mit der „Variety Voyager“ ist eine Kreuzfahrt im kleinsten Kreis. Auf die griechische Yacht passen maximal 72 Passagiere. Eine Woche entlang der Küsten von Panama und Costa Rica – fernab der gängigen Routen und Häfen. Cruising in einem „small ship“. 

Hier soll die Kreuzfahrt wirklich beginnen? Shelter Bay heißt der abgelegene Ort in der Pampa von Panama, ganz im Norden am Golf von Mexiko, zwei Taxistunden von Panama-City entfernt.

Der Taxifahrer sichtet die Segel- und Motorboote und runzelt verzweifelt die Stirn. Doch dann zeigt er erleichtert auf das größte Schiff im Hafen: „Variety Voyager!“ Da liegt sie tatsächlich zwischen den ganzen Privatyachten. Eigentlich unübersehbar. Sie ist hier so etwas wie die Queen Mary 2, die Grande Dame. Mit ihren beachtlichen Maßen: 72-36-28. Das sind in dieser Marina Bestwerte: 72 Passagiere, 36 Kabinen und 28 Crewmitglieder.

In drei Minuten sind die Koffer auf der Kabine

Drei von ihnen stehen auf dem schmalen Steg und reichen den „Welcome-Wermut“. Einstimmung auf eine Woche Kreuzfahrt von Panama nach Costa Rica. Die Koffer brauchen auf die Kabine keine drei Stunden, sondern drei Minuten. Und in zwanzig Minuten ist das Schiff erkundet:

Auf dem Hauptdeck im Heck ist die Lounge mit dem Zugang zur Zodiac-Plattform. Darüber, auf dem Horizondeck, das lichtdurchflutete Restaurant mit den begehrten Außenplätzen. Ein weiteres Deck höher die Freiluft-Lounge mit Bar und Zugang zum kleinen Sonnendeck. Einen Pool hat das Schiff nicht. Der Pool ist das Meer.

Am Abend verlässt die „Variety Voyager“ die Shelter Bay Marina. Und ihre Bestwerte sind schon bald Bonsai: Wir nehmen Kurs auf die wohl berühmteste künstliche Wasserstraße der Welt – den Panama-Kanal! Vor der Gatun-Schleuse reihen wir uns ein in die Cargo-Cruiser, zwischen denen die „Variety Voyager“ wie ein besseres Lotsenboot wirkt. Kleine, aber PS-starke Lokomotiven ziehen die Frachtschiffe von beiden Seiten der Schleusenkammern voran.

Panama-City ist Manhattan am Pazifik

Dazwischen wir, quasi als „Fülltonnage“. Dafür bezahlt die Reederei Variety Cruises auch nur einen Bruchteil für die Panama-Passage. Und nachts noch weniger, was allerdings das Sightseeing-Erlebnis an Bord schmälert. So verpassen wir im Schlaf den Gatunsee, den Gaillard-Durchstich und die Miraflores Schleusen. Und glauben am nächsten Morgen: Manhattan liegt am Pazifik – so ähnlich sieht die Silhouette von Panama City aus.

Markenzeichen: der Panama-Hut

Oder sind es die „Oasis of the Seas“, die „Norwegian Escape“ und die „Genting Dream“ hochkant nebeneinander? Diese Welt der „Big Ships“ werden wir in den nächsten Tagen weit umfahren. „Think Small“ ist das Motto. Die „Variety Voyager“, das ist das kleine Schiff für die kleinen Häfen. Sie liegt überall dort auf Reede, wo NCL & Co. niemals sein können.

Zum Beispiel vor der Flamengo Marina von Panama City. Ein edler Yachthafen mit Blick auf die Skyline der Metropole und Ausgangspunkt für die Exkursion in die alte, koloniale Panama Stadt „Casco Viejo“. Hier liegen sie in jedem Schaufenster, bei jedem Straßenhändler: Panamahüte, Trade Mark des Landes, seit US-Präsident Roosevelt ein Exemplar 1906 beim Baubesuch des Kanals trug. Dabei kommt die Kopfbedeckung eigentlich aus Ecuador.

Variety Voyager Landgang: Indios und das iPad

Am nächsten Morgen wirft die „Variety Voyager“ den Anker in eine ganz andere Welt: In der San Miguel Bay nähern sich uns die Boote der „Embera“ Indios. Sie bringen uns durch das Mangroven-Dickicht und ein Labyrinth von Wasserläufen zu ihrem Stamm. Völlig fernab der Zivilisation, nackt, nur mit Naturfarben bemalt, zeigen sie ihre Begrüßungstänze. Und wir sind nicht sicher, ob es gut ist, dass ein amerikanischer Passagier den Indio-Kindern das iPad vor die Nase hält.

 

Wieder an Bord empfängt uns Kapitän Ilias persönlich. In Bermuda-Shorts und Polohemd. Er ist Grieche, genau wie Yiannis, der Hoteldirektor und Michaelis, der Maetre. Kein Wunder: „Variety Cruises“ ist eine griechische Reederei. Zwölf „Small Ships“ gehören zur Flotte, die „Variety Voyager“ ist das Flaggschiff.

Während in den großen Kreuzfahrthäfen gerade Dutzende Busse mit Exkursionen gefüllt werden, ankern wir am nächsten Morgen vor dem Zauber-Eiland „Granito de Oro“. Tief-türkies das Wasser, das den weißen Strand umspült, an dem die Palmen genau da stehen, wo Palmen stehen müssen. Die Karibik könnte neidisch werden auf diese kleine Pazifik-Insel. Mit den Zodiacs tendert uns die Crew ins Schnorchelparadies. „Schlauchbootkapitän“ Igor hat schon so manche „Wet landing“ hinter sich. Individueller geht Kreuzfahrt nicht – wir haben die Insel für uns.

Beach BBQ mit Zaziki

Panama ist weit mehr als ein Kanal und ein Hut. „A very nice place“, geben selbst die inselverwöhnten Griechen von der Crew zu. Am Strand von Coiba Island bauen sie am Mittag das Beach BBQ auf. Gegrillter Fisch, Rinderfilet und der Gruß aus der Heimat: Zaziki.

Längst kennt jeder jeden, familiär geht es zu an Bord. Und international: Steve und Julia aus Great Britain, die beiden „Divas“ aus Italien und Jeff, der Amerikaner, der die Indios digitalisiert hat. Das ist der harte Kern.

In der Nacht stellen wir die Uhr eine Stunde zurück – die Pazifikküste von Costa Rica ist erreicht. Mehrere Jahrzehnte zurück scheint der Hafen Puerto Jimenez, dessen staubige Straßen nicht unbedingt vom Touristenboom des Landes zeugen.

Kapuziner-Äffchen posen fürs Foto

Das sieht am nächsten Tag im „Manuel Antonio Nationalpark“ schon etwas anders aus. Hier sind über hundert freilebende Säugetiere zu beobachten. Vom Weißrüssel-Nasenbär bis zum Schwarzleguan. Wie sehen kein einziges. Bis auf ein paar Kapuziner-Äffchen, die am Strand professionell fürs Foto posen. Und die erhofften Schlangen entdecken wir nur vor den Kassenhäuschen.

Variety Voyager – think small!

Aber Costa Rica schenkt uns die Bilderbuch-Sunsets: Die Sonne taucht jeden Abend als Feuerball in den Pazifik. Der letzte Morgen, der letzte Stopp. „Isla Tortuga“ hat einen der schönsten Strände Costa Ricas. Das haben nicht nur wir im Reiseführer gelesen: Die kleine Insel füllt sich mit Ausflugsbooten aus Puntarenas, dem wichtigsten Hafen an Costa Ricas Pazifikküste. Und es ist der Ort, an dem diese Kreuzfahrt endet.

Puntarenas muss die höchste Pelikan-Population der Welt haben. Tausende sitzen an der Anlegestelle und beobachten, wie Kapitän Ilias die „Variety Voyager“ festmacht. Wir sind das einzige Schiff. Wie jeden Tag. „Think small“ – auch das kann Kreuzfahrt sein. Vermisst haben wir die 3000 Mitreisenden von den „big ships“ nicht wirklich.

Mehr Infos: www.seatravel.de

 

 

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Uwe Bahn ist Moderator und Autor. Als Reise- und Kreuzfahrtexperte schreibt er für die bekanntesten Zeitungen und Zeitschriften. Seit 2006 gibt er jährlich den "Kreuzfahrtguide" heraus, das Standardwerk für Urlaub auf dem Wasser. Außerdem ist er Herausgeber des Kreuzfahrtportals www.kruize.de.

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